24. Januar 2007
EKD-Zukunftskongress in Wittenberg mit sächsischer Beteiligung
Nach dem Kongress will die Kirchenleitung Zielvereinbarungen festlegen

DRESDEN – „Gegen den Trend wachsen“. Unter dieser Maxime sieht Landesbischof Jochen Bohl dem dreitägigen Zukunftskongress in Wittenberg entgegen, der am 25. Januar mit 300 Teilnehmern aus allen Landeskirchen beginnen wird. Unter den Delegierten werden auch zwölf Männer und Frauen aus Sachsen sein, die sich zuvor mit den Reformvorschlägen aus dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) befasst haben. Landesbischof Jochen Bohl, der am Zustandekommen des im Sommer letzten Jahres erschienenden EKD-Papiers mitgewirkt hatte, formuliert das Ziel, dass die sächsische Landeskirche das Reformationsjubiläum 2017 „in guter Verfassung gestalten und erleben wird“. Die Voraussetzung sei, so Bohl, die negative Bevölkerungsentwicklung durch eigene Anstrengungen der Mitgliedergewinnung auszugleichen. Dazu sehe er in der Landeskirche „eine große Bereitschaft“.
Zusammen mit den Teilnehmern hat sich die sächsische Kirchleitung unter den so genannten zwölf Leuchtfeuern des Impulspapiers auf drei Leuchtfeuer konzentriert. Dabei geht es um die Stabilisierung der Mitgliedschaft und die Erhöhung der Beteiligung an kirchlichen Kernangeboten (1. Leuchtfeuer), eine bessere Motivation kirchlicher Mitarbeiter durch zeitgemäße Personalpolitik, Fort- und Weiterbildung (4. Leuchtfeuer) sowie um die Profilierung der evangelischen Bildungsarbeit und der Schulen geht (7. Leuchtfeuer).
Die anderen Leuchtfeuer in ihrer Zielsetzung wurden ebenfalls in den Blick genommen und jeweils ergänzende Gesichtspunkte benannt, die in die Diskussionen auf dem Kongress eingebracht werden. Die sächsischen Teilnehmer werden sich in Plenumsdiskussionen und zwölf thematischen Foren beteiligen, um weitere Reformschritte zu entwickeln. Neben den von der EKD veröffentlichten Ergebnissen soll es nach dem Kongress in Sachsen in der Kirchenleitung eine Verständigung auf Zielvereinbarungen geben, die bis zur Frühjahrstagung der Landessynode im April diesen Jahres vorliegen sollen.
Zu Programm, Themen und Personen des Zukunftskongresses
Redebeiträge zum Eröffnungsplenum
Kurzstatements der Kongressteilnehmer

Auslosung der Textbeiträge (Foto: EKD-Bild)
Nicht alle Beiträge konnten aus Zeitgründen im Plenum gehalten werden. Die Beiträge, die nicht ausgelost wurden, gehen nicht verloren. Den Teilnehmenden liegen sie gedruckt vor, außerdem werden alle Beiträge zum Download auf den EKD-Seiten bereitgestellt.
Zwei vorliegende Textbeiträge von sächsischen Teilnehmern
Alexander Krauß, MdL
Mitglied der Landesjugendkammer, Schwarzenberg
Der Wahrheit ins Auge sehen
In der Öffentlichkeit steigt das Bewusstsein für den demographischen Wandel. Spätestens seit Schulen geschlossen werden, weil sich die Zahl der Schulanfänger in Sachsen mehr als halbiert hat, ist offensichtlich, vor welch tiefgreifendem Wandel wir stehen. Vielen Sachsen ist mittlerweile bekannt, dass die Zahl der Einwohner im Freistaat in den nächsten 13 Jahren von 4,3 Millionen auf 3,7 Millionen sinken wird und das Durchschnittsalter um 5 auf 49 Jahre steigt.
Die Fakten liegen auf dem Tisch, doch sie werden nicht durchdekliniert. Wenn das staatliche Rentensystem brüchig wird - was heißt das für mich? Wenn sich die Zahl der über 80-jährigen verdoppelt und die Zahl der Kinder sinkt - was heißt das für unsere Kirchgemeinde? Selber neigt man dazu, Beruhigungspillen zu schlucken und sich zu sagen: „Das wird schon nicht so schlimm. Und wenn das so kommt, dann bin ich davon
nicht betroffen, sondern die anderen.“ Einen Riester-Vertrag habe ich zum Beispiel immer noch nicht abgeschlossen - obwohl ich weiß, dass meine Generation der 30-jährigen keine Rente erhalten wird, die über dem Sozialhilfeniveau liegt. Und in meiner Kirchgemeinde haben wir auch noch nicht darüber gesprochen, wer im Jahr 2030 in den Kirchbänken sitzen wird. Dass sich in unserer Gesellschaft ein tiefgreifender Wandel vollzieht, ist mittlerweile in den Köpfen. Nun sollten wir aus den Fakten Schlüsse ziehen! Es müssen Pläne und Taten folgen. Einerseits sollten wir der demographischen Wahrheit ins Auge blicken, anderseits sollten wir verstärkt Nichtchristen einladen, die frohe Botschaft zu hören.
Zwei Themen möchte ich anreißen:
1. Die Kirche muss sich mehr um Familien kümmern. Eltern mit Kindern lassen sich leicht für kirchliche Angebote interessieren - zum Beispiel für die klassische Krabbelgruppe oder für ein Elterncafé, in dem man
sich über Erziehungsfragen austauscht. Die Arbeit mit Kindern eröffnet den Zugang zu den Eltern und Großeltern: Wird im kirchlichen Kindergarten das Krippenspiel aufgeführt, dann lassen sich das die
wenigsten entgehen. Und noch etwas: Wenn Mutter und Vater in der Lage sind, ihrem Kind von ihrem Glauben zu erzählen und Glauben einzuüben (zum Beispiel durch das Tischgebet), dann ist nicht nur der Grundstein für ein gelingendes Leben des Kindes gelegt, sondern auch die Kirche wächst dadurch.
2. Mit der Diakonie haben wir als Kirche eine Organisation, die täglich zigtausend Menschen erreicht. Der Einsatz für Kinder, Senioren, Obdachlose etc. wird von der Gesellschaft hoch geschätzt. Die Diakonie braucht jedoch ein schärferes Profil - nicht nur, um die Menschen zum Glauben einzuladen, sondern auch, um auf dem Markt der sozialen Dienstleistungen bestehen zu können. Es muss deutlicher werden, dass die Liebe, die wir als Christen selbst erfahren haben, Motivation ist, um anderen Menschen in Liebe zu begegnen. Wenn diakonischer Dienst und Kirchgemeindearbeit stärker verknüpft werden, dann erkennen Außenstehende besser, dass die Diakonie eine Frucht des Glaubens ist.
Astrid Kühme,
Pfarrerin, Chemnitz
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder, ein herzliches Dankeschön an die Autorinnen und Autoren des Impulspapiers, das klare und wegweisende Perspektiven für eine „Evangelische Kirche der Freiheit“ in einem Zeitraum von zweieinhalb Dekaden entwirft. Ich schätze die Nüchternheit in der Analyse der bekannten Zukunftsprognosen und den visionären Glauben, diesen düsteren Vorhersagen mit zwölf Leuchtfeuern zu begegnen. Statt allgemeiner Erklärungen, werden konkrete und damit auch anfechtbare Zielvorschläge benannt, die zur engagierten Beteiligung am Konsultationsprozess anregen. Vor diesem Hintergrund möchte ich folgende Leseeindrücke mitteilen:
1. Die zwölf Leuchtfeuer wollen in den vier wichtigsten Handlungsfeldern zu einem missionarischen Aufbruch ermutigen. Doch bei näherem Hinsehen, entdecke ich an vielen Stellen alt Bekanntes, wie die Konzentration auf die Kernaufgaben, deren Kanon meist nur traditionelle Handlungsfelder und Kasualien umfasst (Leuchtfeuer 1). Hier vermisse ich den Mut und das Bekenntnis zu unkonventionellen und kreativen Formen bei der Verkündigung, im Gemeindeaufbau oder bei der kirchlichen Finanzierung.
2. Das Zukunftspapier ist ein sehr deutscher Text. An keiner Stelle der Reformvorschläge wird auf Erfahrungen oder Modelle anderer reformatorischer Kirchen in Europa oder auf anderen Kontinenten Bezug
genommen. Das wäre vor allem im Blick auf die Zielsetzungen im zweiten Handlungsfeld „Aufbruch bei allen kirchlichen Mitarbeitenden“ wünschenswert. Schon längst werden in der anglikanischen oder
methodistischen Kirche des Vereinigten Königreichs Verwaltungsaufgaben, kirchenmusikalische Aktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit und gottesdienstliche Verkündigung ehrenamtlich durch professionell ausgebildete Gemeindemitglieder gestaltet. Dabei werden sowohl das berufliche Können der Ehrenamtlichen als auch
deren gezielte Aus-, Fort- und Weiterbildung (einschließlich der Fragen der Finanzierung dafür) stärker mit einbezogen. Im Sinne der „best practice“ könnte dazu eine Studie durchgeführt werden.
3. Das 7. Leuchtfeuer bekennt sich zu einem Bildungsverständnis, das auf die Befähigung von Menschen zielt, „Subjekt der eigenen Lebensgeschichte zu werden“ (S. 78). Dieser ganzheitliche Bildungsbegriff findet sich auch in zahlreichen Veröffentlichungen der EKD wieder, z.B. in der Bildungsdenkschrift „Maße des Menschlichen“.
In den Zielformulierungen des Impulspapiers wird der evangelische Bildungsauftrag vor allem auf die religiöse Vermittlung von zentralen biblischen Texten, Liedern und Gebeten konkretisiert. „Religiöse
Alphabetisierung“ in Kindergärten und Schulen ist unverzichtbar, sollte aber nicht dazu verleiten, allein in diesen Formen eines „Kanons“ an Beheimatungswissen das Profil evangelischer Bildung zu sehen. Der kritische Aneignungsprozess von Wissen und Werten darf dabei nicht zu kurz kommen.
4. Im dritten Aktionsfeld „Aufbruch beim kirchlichen Handeln in der Welt“ kommt meines Erachtens der gegenwartskritische politische Auftrag der Kirche zu wenig zur Geltung. Zwar wird im Leuchtfeuer 7 betont, evangelische Christen sollen in Bildung und Kultur, in Politik und Wirtschaft, in Redaktionen und Wissenschaft von der evangelischen Kirche bewusst gefördert werden. Es fehlt aber in diesem Zusammenhang eine inhaltliche Positionierung nicht nur Licht, sondern auch „Salz der Erde“ zu sein, d.h. auf Seite derer zu stehen, die an der neuen politischen Freiheit scheitern und keine Lebenschancen für sich sehen, wie Hauptschulabgänger, allein stehende Mütter oder Hartz IV-Empfänger. Das Fehlen einer solchen Parteilichkeit lässt den Begriff Freiheit an einigen Stellen daher als eine riskante und zugemutete Freiheit erscheinen, denn als ein Geschenk Gottes.


